Was ist Wertpapierleihe? Das Parkhaus-Beispiel
Um Wertpapierleihe erklären zu können, stell dir folgendes Szenario vor:
Du parkst dein teures Auto (deine Wertpapiere) in einer Garage. Du bezahlst dem Garagenbesitzer (deinem Broker) eine kleine Gebühr fürs Parken. In den Nutzungsbedingungen steht, dass der Garagenbesitzer dein Auto, während du es nicht brauchst, an andere Personen gegen eine Gebühr verleihen darf – was viele Kunden jedoch überlesen oder nicht vollständig verstehen.
Was genau passiert dabei?
- Der Garagenbesitzer verdient CHF 50 pro Monat an deinem Auto
- Er gibt dir vielleicht CHF 5 pro Monat als «Beteiligung» ab
- Als Sicherheit legt der Ausleihende einen Motorroller im Wert von CHF 55’000 in die Garage (bei einem Auto im Wert von CHF 50’000)
Das versteckte Risiko:
Ein «Black Swan»-Ereignis tritt ein – der Ausleihende baut einen schweren Unfall mit deinem Auto und meldet Konkurs an. Gleichzeitig stürzt der Markt für Motorroller ab, und deine «110% Sicherheit» ist plötzlich nur noch CHF 15’000 wert. Dein CHF 50’000 Auto ist weg, und du bleibst auf einem massiven Verlust sitzen – für lächerliche CHF 5 pro Monat «Zusatzertrag».
In der Finanzwelt funktioniert Wertpapierleihe praktisch genauso:
- Dein Broker verleiht deine Aktien oder ETFs an andere Marktteilnehmer
- Diese nutzen sie meist für Leerverkäufe oder komplexe Handelsstrategien
- Du erhältst einen (meist kleinen) Teil der Leihgebühr als «passives Einkommen» oder bspw. kostenfreie Depotgebühren
- Der Entleiher hinterlegt Sicherheiten (typischerweise 102-110% des Wertes)
Hallo Eric
Danke für die fundierte und ehrliche Risikobetrachtung der Wertpapierleihe. Ich frage mich noch, ob es im Hinblick auf die Verrechnungssteuer oder ausländische Quellensteuer Nachteile gibt? Bei SQ sprechen sie von «Ersatzzahlung» von Aktien-Dividenden oder ETF-Ausschüttungen, die anfallen, während der Titel in der Leihe ist. Hat der Borrower den VSt-Anspruch? Dann erhalte ich als Ersatz nur die Netto-Dividende – aber ohne die Möglichkeit der VSt-Rückforderung? Hast Du dazu Erfahrungen gemacht?
Danke DIr und Gruss
Kris
Hallo Kris
Danke für den spannenden Hinweis. Ja, das kann tatsächlich ein weiterer Nachteil sein. Während einer Wertpapierleihe erhältst du je nach Situation keine «echte» Dividende, sondern eine Ersatzzahlung («Manufactured Payment»). Dadurch können insbesondere bei ausländischen Quellensteuern steuerliche Unterschiede entstehen.
Saxo schreibt beispielsweise, dass Dividendenäquivalente mit der jeweils anwendbaren Quellensteuer ausbezahlt werden.
Wie Swissquote die Ersatzzahlungen im Detail steuerlich behandelt (insbesondere bezüglich der Schweizer Verrechnungssteuer), habe ich bisher nicht vertieft geprüft und möchte deshalb nichts Falsches behaupten.
Danke für den Beitrag über Wertpapierleihe!
🙂
Hallo Eric
Danke für den ausführlichen Beitrag. Was auch noch erwähnenswert ist: Gemäss einer kurzen Recherche ist Wertpapierleihe bei gewissen Brokern (Degiro und Interactive Brokers) standardmässig aktiviert, d.h., wenn man das nicht möchte, muss man diese Option manuell deaktivieren (opt-out).
Bei anderen Brokern (Swissquote, Saxo) muss sie hingegen bewusst aktiviert werden (opt-in).
Guten Tag Eric
Die meisten ETF’s machen auch Wertpapierleihe, würdest du diese auch meiden?
MFG Kili
Hallo Kili,
Das ist eine sehr gute Frage! Du sprichst einen wichtigen Punkt an, denn tatsächlich betreiben die meisten grossen ETFs selbst Wertpapierleihe.
Bei ETFs unterscheidet sich die Wertpapierleihe jedoch in einigen wichtigen Punkten von der Wertpapierleihe über Broker:
Bessere Absicherung: ETF-Anbieter wie iShares, Vanguard oder UBS verlangen typischerweise Übersicherungen von 102-110% des verliehenen Wertes.
Begrenzte Anteile: Die grossen Anbieter verleihen meist nur einen kontrollierten Teil ihres Portfolios – bei Vanguard FTSE All-World beispielsweise oft unter 5%, bei iShares Core-ETFs variiert es zwischen 0,5-15%.
Ertragsrückfluss: Anders als bei vielen Brokern fliessen die Erträge teilweise zurück in den ETF (bei Vanguard sogar 100% nach Kosten), was allen Anlegern zugutekommt.
Diese Praxis ist bei fast allen grossen ETF-Anbietern Standard, nicht nur bei Nischenprodukten. Für Anleger, die Wertpapierleihe komplett vermeiden möchten, gibt es auch spezielle «Non-Lending» ETFs – diese sind allerdings in der Minderheit und manchmal etwas teurer.
Persönlich sehe ich die Wertpapierleihe bei seriösen ETF-Anbietern als weniger problematisch an als bei Brokern, da die Transparenz höher und die Sicherheitsstandards strenger sind.
Den Artikel habe ich noch um einen Absatz zur ETF-Wertpapierleihe ergänzt.
Beste Grüsse
Eric
Ciao Eric
Danke für die Antwort.
Gerd Kommer sieht sogar einige Vorteile bei den ETF’s, die Wertpapierleihe machen.
Für die Leute die es interessiert ist hier der Link.
https://gerd-kommer.de/wertpapierleihe-bei-etfs/
Gruss
Kili